21.06.2009
RAVeL-Projekt: NEIN zur Streckenführung durch das Rurtal!
Die Dachvereinigung der Naturschutzvereinigungen Ostbelgiens
"Zwischen Weser und Our" widersetzt sich energisch gegen
der geplanten Streckenführung des neuen RAVeL-Parcours im Rurtal,
zwischen Kalterherberg und Sourbrodt.
Grund: der Schutz eines ökologisch wertvollen und sehr
empfindlichen Lebensraumes, für den symbolhaft ein seltener
Singvogel steht, das Braunkehlchen, eine europaweit stark bedrohte
Art. Das Braunkehlchen findet hier seinen Brutraum. Sein Erhalt
und sein Schutz im Rurtal sollten den Politikern und Behörden
als Herausforderung gelten: Sie können im Kampf gegen den weltweiten
Rückgang der Artenvielfalt ein konkretes Zeichen setzen.
Die Vereinigung "Zwischen Weser und Our" sagt "JA"
zum Prinzip des RAVeL-Projektes, aber "NEIN" zur im Rurtal
geplanten Streckenführung.
Zur dieser Thematik hatte AVES-Ostkantone am 28. Mai 2009 verschiedene
Naturschutzorganisationen, Symphatisanten und auch Experten nach
Worriken eingeladen. Im folgenden Beitrag findet der Leser die von
den Naturschützern angeführten Argumente.
Eine RAVeL-Strecke wegen einiger kleiner Vögel
verlegen?
Eine Verlegung der RAVeL-Strecke wegen einiger Brutpaare des Braunkehlchens
zu fordern erscheint auf den ersten Blick lächerlich.
Würde die Strecke tatsächlich wie geplant durch das Rurtal
führen, wie sähe es dann um den lokalen Beitrag gegen
den weltweiten Rückgang der Biodiversität aus? Der Erhalt
der Artenvielfalt weltweit und regional ist ein Ziel, das sich ALLE
(auch die politischen Parteien) gesetzt haben, und die UNO an der
Spitze! Wo blieben da also die ostbelgischen Aktionen? Wie sähe
der hiesige Beitrag zum großen weltweiten Kampf gegen das
Artensterben aus? Wie stünde es mit der Umsetzung der Theorie
in die Praxis? Wären all das nur leere Worte!
Es handelt sich hier nicht um irgendeine Vogelart! Das Braunkehlchen
ist ein seltener Brutvogel in Belgien, ja in ganz Europa, und allerorts
ist sein Rückgang stark! Es handelt sich um eine Art, für
die Europa besondere Schutzmaßnahmen fordert und deren letzte
produktive Rückzugsgebiete (Belgien) sich gerade eben im Rurtal
(und dem angrenzenden Truppenübungsplatz von Elsenborn) befinden.
Symbolhaft steht das Braunkehlchen für artenreiche Öd-
und Feuchtflächen: andere Arten, mit denen das Braunkehlchen
den Lebensraum teilt, wie der Raubwürger, der Neuntöter,
das Schwarzkehlchen, sind gleichfalls bedroht.
Es handelt sich um eine Art, deren Schutz direkt auch dem Fortbestand
der Lebensgemeinschaft innerhalb der offenen Zonen zugute kommt.
Diese brauchen einen hohen Grad an Abgeschiedenheit - verbunden
mit einem Minimum an Eingriffen und Störungen durch den Menschen.
Eine kleine Anstrengung für ein großes
Beispiel
Genau genommen, fordern die Naturschutzvereinigungen Ostbelgiens
nichts Großes: wir verlangen keine Aufhebung des Projektes
und keine zusätzlichen finanziellen Mittel, keine große
Veränderung in der Wegeführung, nur einen kleinen und
zugleich ein wenig steileren Umweg durch den Wald (zwischen Küchelscheid
und Sourbrodt), auf Wegen, die bereits bestehen, bestens unterhalten
und befahrbar sind, was die Investitionskosten natürlich erheblich
vermindert.
Wir stellen nicht die Zweckmäßigkeit des RAVeL in Frage,
im Gegenteil! Wir fordern lediglich eine kleine Anstrengung seitens
der Promotoren und seitens der künftigen Nutzer.
Eine kleine Anstrengung, um ein großes Beispiel zu geben:
Naturschutz unter all seinen Aspekten.
Dieses Thema haben sich alle offiziellen und politischen Instanzen
gerade auch im Vorfeld der Wahlen ins Programm geschrieben: Hier
bietet sich eine gute Gelegenheit die Worte auch in die Tat umzusetzen!
Sollten sich die Entscheidungsträger zugunsten des Naturschutzes
entscheiden, was für ein Vorzeigebeispiel für die Zukunft!
Wenn nicht, was für ein klägliches Zeugnis, das die Glaubwürdigkeit
unserer Politiker stark in Frage stellen würde.
Eine exemplarische und erzieherische Aktion
Hier bietet sich die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu erklären,
warum man die oben erwähnte Anstrengung in Kauf nehmen sollte,
um dem Verschwinden einer seltenen Vogelart entgegen zu treten und
im Schutz einer wertvollen Lebensgemeinschaft wichtige Akzente zu
setzen.
Tatsächlich bietet sich hier die Gelegenheit zur Sensibilisierung
zum Naturschutz und dem Erhalt der Biodiversität. Ein Beispiel,
das Schule machen könnte! Eine gute Gelegenheit zu zeigen,
dass der Erhalt unserer Natur und Umwelt nicht leere Parolen und
Wahlslogans sind, sondern konkrete Taten fordern!
Seinen Lebensstil zu ändern erfordert konkrete Anstrengungen!
Man fordert die Bürger auf, zum Erhalt unseres Planeten mit
kleinen täglichen Aktionen beizutragen, zum Beispiel durch
die Nutzung des Fahrrads anstelle des Autos. Das Fahrrad seinerseits
muss auch "sauber" sein, damit es sich nicht indirekt
negativ auf die Natur auswirkt. Ein RAVeL-Netz, durch die Begriffe
"sanfter Tourismus" und "Nachhaltigkeit" geprägt,
würde seine Seele verlieren, wenn es zur Beeinträchtigung
der Natur beitragen würde!
Hinweistafeln und didaktische Tafeln könnten auf die Notwendigkeit
der Umleitung hinweisen.
Eine kohärente Aktion
Eine Umgehung der sensiblen Zone des Rurtal zu akzeptieren, legt
Zeugnis einer kohärenten Politik ab. Einerseits stecken Europa
und die öffentlichen Behörden große finanzielle
Mittel in das NATURA 2000 Netzwerk, in die Renaturierung von Tälern
(Interreg-Projekte), in die Schaffung von Naturschutzgebieten (Staatliche
oder anerkannte Schutzgebiete), u.a.
Andererseits würden die gleichen Instanzen Projekte finanzieren,
die das Statut dieser geschützten Bereiche verletzen und den
wertvollsten und seltensten Arten der Avifauna Europas, der Wallonie
und Ostbelgiens nachhaltig großen Schaden zufügen würden.
Man kann nicht mit einer Hand zurücknehmen, was die andere
gibt!
Würde eine Umgehung des Rurtal akzeptiert, könnte unsere
Region als Paradebeispiel einer zusammenhängenden Politik innerhalb
Europas gelten. Wenn nicht, wenn die irreparablen Schäden zugelassen
werden, rückt dies Ostbelgien - mit seinem Markenzeichen des
sanften Tourismus im nachhaltigen Einklang mit der Natur - europaweit
in negatives Licht!
Eine schwer zu akzeptierende Ausnahme?
"Zu starke Steigungen der RAVeL-Strecke sind Sünden gegen
die hochheiligen Gebote und Normen der RAVeL-Idee!", argumentieren
die Promotoren und Projektautoren.
In der Tat wird der Abschnitt durch eine Verlegung in den Wald
für die Benutzer schwieriger, aber wie bereits oben erwähnt,
können sie über die Notwendigkeit zum Erhalt der Natur
informiert und überzeugt werden.
Tatsächlich gibt es in allen Bereichen Normen und Regeln,
die in den meisten Fällen berechtigt sind. Aber genauso gibt
es für jede Regel Ausnahmen, die sich rechtfertigen lassen.
Wie oft gibt es nicht in Fällen von Sektorenplänen, Städtebauplänen
und Schutzzonen (Naturschutzgebiete oder andere) Ausnahmeregelungen?
Wie viele Ausnahmeregelungen werden nicht aus wirtschaftlichen,
sozialen oder touristischen Gründen erteilt?
Warum schlagen diese Ausnahmeregeln immer in eine Richtung? Warum
können sie nicht auch einmal zugunsten des Naturschutzes gelten?
Die Forderung des Naturschutzes ungerechtfertigt?
Viele möchten sicher feststellen, dass die Abgeschiedenheit
der Rur bereits seit früheren Zeiten nicht mehr gewährleistet
ist, fuhren doch hier einstmals Züge der ehemaligen Vennbahn
und rollen doch heute Draisinen für Touristen auf den Bahngleisen.
Und dennoch brüten die Braunkehlchen noch immer hier.
Daraus könnte geschlussfolgert werden, Naturschützer
befänden sich im Irrtum und führten einen nicht gerechtfertigten
Kampf. Dieses Argument hält jedoch nicht stand: es fuhren lediglich
einige Züge in der Woche, die nur wenige Minuten brauchten
um die sensible Zone zu durchqueren. Es sind nicht diese vorübergehenden
und vor allem stets gleichbleibenden Störungen, die die Vögel
am Brüten hindern!
Die Nutzung von Draisinen konzentriert sich auf die Ferienmonate
Juli und August, sprich auf einen Zeitraum, wo die meisten Bruten
beendet sind. Die Fahrten sind auch sehr begrenzt, einmal in die
eine und einmal in die andere Richtung. Und die Touristen verlassen
dabei nicht ihre Fahrzeuge.
Der RAVeL hingegen wird ständig, ganzjährig, Tag und
Nacht genutzt werden. Auch von Personen, die aus unbekannten Motiven
heraus, von ihren Fahrrädern steigen und rücksichtslos
den Weg verlassen, um durch die Natur zu streifen (zum Beispiel
im Moment der Narzissenblüte) oder gar zum Picknicken.
Ferner wird die geplante Streckenführung des RAVeL mit der
Schaffung eines Weges außerhalb der alten Bahntrassenführung
unweigerlich insbesondere die Brutplätze des Braunkehlchens
vernichten, die sich in unmittelbarer Nähe des Bahndamms befinden,
und ihren gewohnten Brutraum stark verändern. Das hätte
fatale Folgen, denn gerade Braunkelchen reagieren stark auf Veränderungen
ihres Lebensraumes!
Schlussfolgerung:
Die Umgehung des sensiblen Bereiches des Rurtal zu akzeptieren
heißt:
- eine seltene Vogelart schützen, die eines der wichtigsten
Brutgebiete im Rurtal hat und symbolhaft für den Erhalt anderer,
in offenen und feuchten Gebieten vorkommenden Arten steht;
- den Beweis zu erbringen, dass das Bewusstsein des Biodiversitätsrückgangs
besteht und den Worten auch konkrete Taten folgen, dies im Sinne
des weltweiten Anliegens des Erhalts der Biodiversität auf
der Erde;
- konkret die außergewöhnlichen ökologischen Werte
des Rurtales hervorzuheben und sie in all ihren Aspekten zu erhalten;
- die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und zukünftigen
Generationen eine intakte Natur in all ihren Facetten und ihren
Besonderheiten zu hinterlassen. Dieses Anliegen darf nicht aufs
Spiel gesetzt werden und erfordert Anstrengungen;
- Geld einzusparen und auf bestehende intakte Infrastrukturen
zurückzugreifen.
Wir bitten die Promotoren und Projektautoren des RAVeL um eine
Ausnahmeregelung bezüglich der erlaubten Ansteigung der Strecke
und die künftigen Nutzer des Weges, diese Steigung und den
längeren Streckenverlauf zugunsten des Naturschutzes in Kauf
zu nehmen.
Text: Gerhard Reuter
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